Dezentralisiert mein Gehirn!

Manchmal muss mensch sich den großen Fragen des Lebens stellen: Warum ist immer alles so kompliziert? Wie passen FOMO und Blockchain zusammen, wie kann Rechtspopulismus das Ergebnis von Entropie sein? Läuft die Zeit vorwärts oder ist das nur ein Effekt der Wahrnehmung? Begründe ich gerade eine neue Geistesströmung, die philosophische Physik? All das finden wir gleich heraus.

Eins nach dem Anderen. Ich bin ja ein großer Fan von Dunning und Krüger. Von denen, die postulierten, dass Menschen per se unfähig sind, ihre eigene Inkompetenz zu erkennen, da die gleichen Fähigkeiten, die zur Lösung eines Problems nötig sind, zunächst auch mal die sind, die das Problem als solches erkennen. Oder mit den Worten von Douglas Adams: Was kümmert es die Ameise, wenn neben ihr ein Highway gebaut wird?! Mit diesem Wissen im Hinterkopf nehme ich mir hilfsweise erstmal ein sehr durchschaubares Beispiel, um dann auf mein eigentliches Problem zu schließen: Warum läuft die Zeit vorwärts? Weil wir es uns nicht anders vorstellen können. Unser Bewusstsein, unser Gehirn, unsere Physik funktioniert entropisch, (so wie der Urknall, den wir ja deshalb ja auch dankbar als “Beginn” von allem definieren): von einfach nach komplex, von einem Zustand in die Auswahl von zwei Zuständen. Mit dem Ergebnis, dass seit dem denkwürdigen Tag vor fast 14 Milliarden Jahren alles irre kompliziert geworden ist.

Komplexität und deren “Berechnung” braucht nun natürlich jede Menge Raum und noch mehr Energie. Und ein Gehirn ohne Zucker würde sich nach Darwin nicht dauerhaft als Überlebensgarant qualifizieren. Also reduzieren wir die Einflüsse, eliminieren offensichtlich Widersprüchliches und scheinbar Redundantes, Irrelevantes und erschaffen aus der Quintessenz eine konsistente Weltsicht, damit wir nicht an uns selbst zweifeln müssen. Mensch könnte sogar soweit gehen, dass das der wesentliche Grund ist, warum sich unser Bewusstsein entwickelt hat – um inkonsistenten Informationen Struktur zu verleihen. (Und es ist möglicherweise auch so, dass manche Menschen genetisch optimierter verbrennen und mit mehr Widerspruch umgehen können.)

Das Internet und die Allgegenwärtigkeit von Information stellt unsere schöne Konsistenz nun auf eine harte Probe. Das Überangebot an Information reduziert unsere Aufmerksamkeit, und das noch lange vor einer möglichen “Filter-Bubble” (so wie die Berliner, die angesichts des Überangebots an Veranstaltungen in der Stadt ganz einfach zuhause bleiben). Und während wir einerseits Medienschaffenden ihre Rolle als Gatekeeper entreißen, macht sich konsequent die Angst breit, “Wesentliches” (aka Weltbildkonsistentes) zu verpassen.  Wir leiden unter FOMO, weil wir Fake-News schreien. Verrückt, oder? Journalist*innen, die historisch vor allen Anderen mit der Heftigkeit von “sinnloser” Information konfrontiert waren, die nach Kodex und langer Ausbildung, und dennoch auch nicht ohne Tendenz, unsere Nachrichten auswählten, ziehen den Kürzeren gegenüber Facebook und Google, deren Methode zur Nachrichtenauswahl schlicht dazu dient, unsere “Klickraten” in konsumrelevante Informationen zu steigern. Oder um es mit einer sehr intelligenten Darstellung (nicht von mir) zu beschreiben: Wir glauben, dass wir mit dem Internet einen freien Kommunikationskanal geschaffen haben. Aber tatsächlich benutzen wir jeden Tag das Internet von Facebook, Google, Amazon, der Icaan – und die haben ihre eigenen, uns keinesfalls immer transparenten, Interessen.

Auftritt Blockchain-Hype: das Internet, das wir uns schon immer gewünscht hätten. Geboren aus der Idee eines unauffindbaren Masterminds namens Satoshi, der nach der US-Immobilienkrise sein Geld lieber auf möglichst vielen Computern im Internet als bei Banken anlegen wollte, wird die Information verkettet und dann in einem Block archiviert, und jeder zukünftige Block baut auf den vorhergehenden auf und die ursprüngliche Eintragung wird damit fälschungssicher (weil ja alles schön dezentral gespeichert ist). Anwendbar auf Wahlen, Copyrights, ein Großteil der Notar-Aktivitäten, Wert-Transaktionen und Identitäten.

Und während die Entropie wächst, verklärt sich der zuallererst generierte Urknall-Block der Kette zum Mythos, an dem alles noch so schön einfach war. Blockchain ist das in Technologie gegossene FOMO: Weil wir uns selbst längst nicht mehr merken können, was in der Vergangenheit noch so wichtig war, übernimmt der Algorithmus. Der fragt immerhin nicht nach Zucker. Den wiederum können wir mit unseren Gehirnen dann für weniger komplexe Dinge verbrennen. Bis wieder jemand eine Blockchain draus macht.

Alles, solange die Zeit vorwärts läuft. Irgendwann kommt vielleicht ein zweiter Satoshi auf die Idee, dass die Zeit auch nur eine Blockchain ist und die wird dann mit dunkler Energie reverse-engineered. Krass, wenn mensch bedenkt, wie komplex das ist. Aber glücklicherweise ist ja genug unbekannte, “dunkle” Energie im Universum vorhanden – schon toll wie das alles zusammenpasst. Aber da wir uns das ja momentan sowieso nicht mal im Ansatz vorstellen können, ist die Blockchain tatsächlich wohl für einige (zukünftige) Zeit die beste Lösung.

P.S.: Übrigens: Nur weil die Zeit vorwärts läuft heißt das nicht, dass wir nicht irgendwann in die Vergangenheit reisen können, ohne die Physik auf den Kopf zu stellen. Ich würde sogar sagen, dass intelligentere Menschen als ich, z.B. bei Google, schon an einer solchen Zeitmaschine arbeiten. Jedes hochgeladene Bild oder Video, jede Zeichnung oder Beschreibung einer historischen Situation ist ein Zeit- und ein Ortsstempel unserer Geschichte. Leistungsfähige Prozessoren werden schon bald kein Problem mehr damit haben, aus Big Data eine näherungsweise Umgebung des Bildes in tastbarer Auflösung zu extrapolieren, in der wir uns via VR frei bewegen können und “live” in die Geschehnisse von damals eintauchen können. Simulations-Hypothese von Bostrom und so…

Business to go #1

Seit ich denken kann kitzeln mich Ideen. Unvermittelt platzt ein StartUp in meine Gedankenwelt, wird größer, füllt den Innenraum meines Kopfes und zwingt mich, mich damit auseinanderzusetzen. Meistens denke ich dann natürlich: Ach bitte lass es das schon geben, für all das was in meinem Kopf herumspukt brauch ich fünf Leben zur Verwirklichung. Aber so leicht ist es dann doch nicht, zumal eine Suche (klar, Google) dann selten zufriedenstellenden Ergebnisse produziert. Also wage ich eine neue Art, mich von dringenden Gedanken zu befreien: Aufschreiben, veröffentichen und davon ausgehen, dass jemand Anderes ein Business daraus macht. Vielleicht erwähnt mich ja jemand in den End Credits.

Hier also mal ein paar Ideen, die dringender Umsetzung bedürfen und mit denen man, entsprechende Umsetzungspower vorausgesetzt, schnell noch einen FMA auskosten kann:

  • Ein Omni-Online-Lebensmittel-Bestellportal. Also eins, welches die gängigen Services wie Amazon Fresh, Rewe, Bringmeister/Edeka, Kaufland und Allyouneedfresh etc. crawled, meine Einkaufsliste kosteneffektiv aufteilt, alle Angebote und Coupons automatisch einlöst und meine Liefertermine managed. Simplora geht zwar in die richtige Richtung, aber da passiert in letzter Zeit kaum etwas. Und sogar die Kosten ließen sich gut verargumentieren: Immer beim günstigsten Anbieter bestellt ergibt zum Schluss soviel Rabatt, dass mensch trotz Gebühr trotzdem noch spart.
  • Paket-Kästen im Hauseingangsbereich. Schon in etwa so, was DHL anbietet, aber 1. für Mehrfamilienhäuser mit mehreren Boxen und 2. nicht proprietär. Paketdienst kommt, Paket in die Box, Abholschein am Terminal ausgedruckt und in den Briefkasten bzw. falls bekannt SMS mit QR an den Empfänger (Verwaltung in der Paketbox-App ist ein super Feature, wenn mensch nicht allen Transportunternehmen die eigene Telefonnummer servieren will). Wenn nach 7 Tagen keine Abholung erfolgt ist, wird der Paketdienst informiert und holt das Ding wieder ab. Mensch könnte natürlich argumentieren, dass die Nachbarn-Option förderlicher ist, um die eigenen Mitmenschen mal kennenzulernen. Aber die Paketkästen würden zumindest mein schlechtes Gewissen drastisch reduzieren, immer zu den selben Nachbarn zu stiefeln und nich mal Merci dabei zu haben.
  • Smart Furniture. TV-Sessel mit verschiedenen Sitzpositionen, versenkbare Screens, verschließbare Schränke, alles per App und Alexa steuerbar. Hatte ich Mycs.com schon mal vorgeschlagen, aber die waren wohl noch nicht so weit. Hier könnte sich die/der geneigte Gründer*in auch einen Big Rep One zulegen, um wirklich bedarfsorientiert produzieren zu können. Ich suche z.B. seit Ewigkeiten ein Sideboard mit exakt 35cm Tiefe und 80cm Höhe, mit Türen im Landhausstil und Holzoptik in weiß, weil nichts anderes bislang in die Ecke in meinem Wohnzimmer passt. Mit den Home24-Schiebereglern komme ich hier nicht weit.
  • Mal etwas um die Ecke gedacht: Wir wissen ja, das Tesla die nahe Zukunft berechnen kann. Und in weniger als 10 Jahren will auch Daimler selbstfahrende Trucks anbieten (wenn sich das mit dem Diesel irgendwann mal regelt…). Nun aber die Preisfrage: Angenommen Daimler- und Tesla-Autopilot*innen gehen voll in die Eisen, weil plötzlich vor ihnen jemand eine kritische Situation verursacht. In den darauf folgenden Autos sitzt nun aber potenziell wieder reaktionsmüde Homo Sapiens – das Auffahrproblem würde sich also potenziell nur nach hinten durchkaskadieren. Was also dringend entwickelt werden müsste ist ein typenoffener Abstandswarner fürs Armaturenbrett der „Legacy Cars“, der entweder selbst auf die Bremse tritt, sobald die Autopiloten Gefahr funken (dafür müsste jemand noch ein offenes Interface designen) oder, wenn die Daimsla der Welt Angst vor dem Kartellamt haben und keinen gemeinsamen Standard wollen, zumindest kontinuierlich den Sicherheitsabstand zum Vorderfahrzeug auf die Windschutzscheibe projeziert. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass KfZ-Haftpflichtversicherungen in Deutschland so ein Startup finanzieren würden. Über so ein unabhängiges Stand-Alone-Gerät ließe sich auch das Mobility-Netz realisieren, von dem so viele Designer träumen, ohne dass jemand Angst vor zentraler Überwachung haben müsste.
  • Eine wohl frustrierende Situation ist, wenn folgender Text in der Mailbox auftaucht: „We have reviewed all interviews carefully, and although you made a pretty strong impression regarding your background and previous experience, I must inform you that we cannot continue with your application, as we have candidates who fit our requirements even closer. Please do not consider this as any evaluation of your personal or professional skills which stand beyond doubt.“ Noch ärgerlich ist doch aber, dass HR diese Mails überhaupt versenden müssen, oder? Allein die Sichtung, Abwägung, Einladung von Kandidaten nimmt soviel Arbeitszeit in Anspruch – und die perfekte Besetzung stellt sich wenige Monate später als Nullnummer heraus. Und am aller-, aller, allerschlimmsten: Dieser HR-Prozess ist nicht lernfähig, die „HR Business Partner“ müssen sich statt dessen -selbstverschuldet- von Jahr zu Jahr durch mehr und mehr Bewerbungen arbeiten, da sich das Schrotflintenprinzip (statistisch gesehen gibts mehr Treffer, je mehr Bewerbungen ich versende) wohl als effizienteste Methode bei der Suche nach einem neuen Job etabliert hat. Aber wie ließe sich der Prozess überhaupt verbessern? Unglaublich, aber wahr: Über das Feedback. Nur wenn Personaler die realen Gründe für eine Absage mitteilen, können Kandidat*innen für zukünftige Bewerbungen feststellen, ob sie den Anforderungen der Firma entsprechen. Was spricht dagegen? Wohlwahrscheinlich Angst vor einem Gerichtsverfahren nach dem AGG. Was müsste also entwickelt werden? Ein Tool, bei dem HR aggregiert die -echten- Gründe für Ablehnungen von Bewerbungen auf eine Stelle zusammenschreibt, ohne dass diese zurückverfolgbar sind. Das schützt vielleicht nicht vor dem traurigen Text per Email, aber Bewerber können schon erkennen, welche Skills der „Markt“ verlangt, ob man in einer Branche den Altersdurchschnitt reißt oder ob Qualifikationen fehlen. Ideal wäre natürlich, wenn das System mit allen Bewerbungen anonymisiert gefüttert würde und dann Erfolgreiche mit Erfolglosen vergleicht. So könnte HR auch durch Machine Learning ihren Output verbessern und wären sicherer vor „der Katze im Sack“.

Soweit zum ersten Teil. Ich fühl schon, wie die Verantwortung von mir weicht. 🙂

Die Laubbläser vom Prenzlauer Berg und ihr Anteil an der Auflösung des Gesellschaftssystems

Im letzten Post hatte ich ja schon mal kritisch angemerkt (rumgemeckert), dass die Gesellschaft mitunter Regeln für das Zusammenleben vereinbart, aus deren Zwängen sich die/der Einzelne nicht problemlos befreien kann – selbst wenn diese Regeln nachweislich zu Lasten der Gesellschaft gehen. Schlimmer noch, sie erschüttern nachhaltig die stark angeschlagene Balance des Zusammenspiels mit der Natur, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Ich mach’s mal kurz: Frühaufsteher zerstören unseren Planeten.

Deutschland hat irgendwann zwischen dem Beginn der Industrialisierung und Bismarck sein natürliches Gefühl für Zeit verloren. Statt dessen quälen sich 60% aller Deutschen vor 7 aus den Federn in den Job, tagein, tagaus, ob Sommer, ob Winter, zeigen dem frühen Vogel im Geistesnebel zwar den Autofahrergruß, aber halten schlussendlich das Räderwerk des Kapitalismus am Laufen. Aber die Groteske wird erst so richtig deutlich, wenn mensch sich vor Augen führt, dass sich zwar die Erkenntnisse über Lerchen und Eulen dramatisch weiterentwickelt hat, die Anwendung jedoch starr-konservativ ausbleibt. Ganz nach dem Motto: „Wo kämen wir denn dahin?! Weißt Du Doch nich!“ Und sogar im beschaulichen Prenzlauer Berg, was ja lange als Zentrum der neuen deutschen meiotischen Bewegung galt, erinnert im Sommer der motorisierte Heckenschereneinsatz bereits kurz nach Sonnenaufgang, dass selbst Babys kein Recht auf weckerlosen Schlaf haben. Mitgeboren, mitgeschoren. Dass das natürlich nicht gesundheitsfördernd ist wusste (achtung, pdf) der Berliner Senat schon 2010.  Aber wie umsetzen? Alles zu kompliziert in unserer verdammt-komplexen Komplexitätsgesellschaft.

Was wäre so schlimm daran, wenn wir, als gesellschaftlichen Hau-Ruck sozusagen, alles, tatsächlich alles, ein bis zwei Stunden nach hinten verschieben? Dann könnten x Prozent mehr Erwerbsverpflichtete ohne Wecker aufstehen, Kinder müssten sich nicht um 7 zur „nullten Stunde“ in die Schule quälen, Bäcker hätten ein paar mehr Bewerbungen (wobei mir das eigentlich egal ist, überholte Geschäftsmodelle gehen halt auch mal baden) – und mensch würde nicht von Laubbläsern und benzingetriebenen Rasentrimmern um 6:59 aus dem Schlaf gerissen werden. Jedes Jahr wird genau zweimal diskutiert, die Sommerzeit abzuschaffen – und immer heißt es, die EU hätte Wichtigeres zu tun. Hat sie nicht (nur)!

Überhaupt, diese furchtbare deutsche Eigenart des Zurechtstutzens. War da nicht neulich was mit massenhaftem Insektensterben? Klar, Landwirtschaft und Monokultur, immer sind die anderen schuld. Solange der eigene Rasen immer schön auf Kante gemäht und die Hecke ja nicht zwei Zentimeter des Gehwegs berührt. Laubblätter auf den Boden, was bilden sich die Bäume ein? Kognitive Dissonanz. Merkt Ihr was?

Es ist an der Zeit (ja, die Formulierung ist Absicht), ein entspannteres Gefühl für sich und die eigene Umwelt zu entwickeln. Wer früh aufsteht ist nur schlechter gelaunt, schneller müde – und früher tot. Und 90% des Garten- und Landschaftsbaus (Sturgeon’s law – schon nachvollziehbar, dass es da keinen deutschen Wikipedia-Eintrag gibt 🙂 ) sowie assoziiertes Werkzeug kann gleich mit unter die Erde! Dann klappts auch mit den Tausendfüßlern, Kellerasseln und Mistkäfern.

Aber so wird’s nicht kommen. Entzerrung der Gesellschaftszeit – zu komplex. Die analoge, zum-wachstum-verdammte Wirtschaftsstruktur hinter sich lassen – nicht freiwillig, weil „wo kämen wir denn dahin?“. Kreuzspinne und Kreuzotter am Leben lassen – gern woanders. Aus der Mit-dem-Rauchen-aufhören-Forschung wissen wir schließlich, dass Motivation für Verhaltensänderungen vornehmlich durch extrinsische Faktoren generiert wird, jemand anders wird sich schon drum kümmern. Nur, ob wir den Prenzlauer Berg dann noch wiedererkennen, ist dann wohl mehr als fraglich…

 

UnSocial-Media und Machtdisruption

Es gibt ja jede Menge Material und Kontroverse darüber, ob „Screen Time“, in diesem Fall die Zeit die wir vor dem Telefondisplay/Monitor/TV verbringen, uns zu guten oder eben schlechten Menschen macht. Erst zuletzt fand ich einen fantastischen Artikel (Link folgt), der beschrieb, warum wir uns trotz statistisch gesunkener wöchentlicher Arbeitszeit subjektiv nicht erholter fühlen. Antwort: ‚Screen Time‘ hält uns von Entspannung ab. Is mal wieder kontrovers, zumal nicht abschließend geklärt wird, was Entspannung bedeutet (im Wortsinn wohl eher die Entkrampfung der Muskulatur, aber die Autor*Innen zielen wohl eher auf die Idee ab, Augen und Hirn vom 2dimensionalen Gucken und Verarbeiten abzubringen – das sich das menschliche Gehirn per se nicht entspannt sollte ja hinlänglich bekannt sein). Egal. Wenn ich mich also drauf einlasse und mich mal frage, warum Screen Time anstrengend sein kann, finde ich in meiner Mediennutzung ein zentrales Fehlverhalten: Ich lese zu viele Kommentare.

Facebook spielt natürlich ganz vorne mit, bei Twitter gibts ja quasi nichts anderes. Und selbst etablierte Medienschaffende befleißigen sich mittlerweile damit, in ganzen Artikeln nur zu kommentieren, was wer wo schon kommentiert (Stichwort Covfefe) hat. Von der (teils gewollten) Lebenszeit-essenden, hakeligen Navigation der eigenen Kommentarspalten ganz zu schweigen (Seitenwechsel nach 5 – noch dazu gekürtzen – Kommentaren bei SPON, das Wurschteln durch die thread-organisierte Navigation bei Heise dauert länger als das Lesen aller Artikel der ersten Seit). Ich sags Euch: Unser Gehirn leistet Schwerstarbeit bei der Abwahl irrelevanter Informationen. Bei “Hey Piet, lass uns das am WE mal im Garten ausprobieren” oder “Diggi, das wär doch was für Dich” klingeln die Glocken der Nichtigkeit, aber die Energie zum Lesen und Einordnen des Schwachsinns ist verbraucht und nach 20 dieser Kommentare sind wir einfach nur müde. O’Reilleys Idee vom Mitmachweb durch Komalesen ad absurdum geführt.

Aber damit nicht genug: Von Brüsten und Netzwerkdurchsetzungsgesetz mal abgesehen herrscht beim Kommentieren Demorhesia (mein Kunstwort aus Demokratie und Parrhesia), in der Kommentarspalte in sozialen Medien sind alle gleich – das Volk spricht. Und damit geht’s auch schon los mit der Kakophonie. Das Angebot divergierender Meinungen hat sich potenziert, aber unsere Fähigkeiten zur Perzeption sind die gleichen wie vor 100, ach, 10.000 Jahren. Abstraktion, Heuristiken und Verdrängung. Schon sucht mensch verzweifelt nach Halt und Bedeutung, schließlich will ich ja zumindest eine Stimme lesen, die meine Gedanken beim Lesen des Artikels ausspricht (hallo Mr. Pariser). Und während wir uns noch abmühen, die Relevanz des Kommentars anhand lächerlicher Indikatoren (Nickname, Avatarbild, Rechtschreibfehler, „echte“ Bilder im Profil) einzuschätzen, hat die Erosion unserer eigenen Credibility längst begonnen.

Die Menschheit hat (so zumindest das soziokulturelle Paradigma) seit den Anfängen ihrer bewussten Existenz Formen des Zusammenlebens vereinbart. Vereinbarungen, die immer mit einem Konsens der Machtverteilung einhergingen, ob Stammesältester, Fürst oder Gott auf absolutistischer Seite, Ting, Scherbengericht oder Parlament in der -kratie-Variante. Mit Geburt wurde jedem Menschen sein Plätzchen im Strampel-Rad der Gesellschaft zugewiesen, Veränderungen waren die Ausnahme. Das war selbstverständlich total blöd für den Einzelnen, hatte aber den Vorteil, dass mensch wusste, woran mensch war. Ein König war immer ein König, der Bundestag hat mehr Bedeutung als die Runde Herrengedeck in Manfreds Kiosk.

In Kommentarspalten gilt das nicht mehr. Bester Beweis: Ein US-Präsident, per definition mit Macht ausgestattet, macht sich zum Narren bei Twitter (höchstmögliche Machtposi dort ist ein verifiziertes Profil) und minimiert die Erwartungen an seine Politik (bis er gefühlt-unverstandenderweise doch mal den roten Knopf findet). Oder, am anderen Ende, die Influencer, deren Machtwährung in Likes, Views und Followern gezählt wird. Was komplett irrelevant ist, sobald mensch den Dunstkreis von Games und Beauty verlässt. Ist das Macht 2.0? Fakt ist: Das Internet schafft eine neue Form des gesellschaftlichen Miteinanders und “disrupted” nebenbei 10.000 Jahre Machtevolution.  

Dabei wäre der Hebel für ein Stück Entschleunigung und Orientierung gar nicht so schwer auszumachen: Schaltet die Kommentar-Funktion ab. Zumindest die Öffentliche mit Piet und Diggi. Dass Facebook da nicht selbst auf die Idee kommt (oder ist das das geheime Ziel von Heikos Netzwerkdurchsetzungsgesetz?) ist nicht schwer erraten, immerhin leben die ja von meiner „Screen Time“. Aber wer behauptet, dass ein Kommentar der Demokratie letzter Schluss zu sein hat? – Immerhin, Instagram als So-Me-Feelgood-Alternative geht da schon einen Schritt nach vorn. Bilder im Feed zuerst von denen, die mir auch folgen, Kommentare sind insgesamt eher Nebensache. Meinungsführer im Umgang mit den Zukunftsängsten der Deutschen wird mensch da allerdings auch nicht. Mein Vorschlag: Piqd ausprobieren und die kommentarlos gewonnene Realtime in echtes Engagement stecken.

P.S.: Jaja, mir ist schon bewusst, dass ich mit dieser Argumentation auch dieses Blog in Frage stelle. Welche Legitimation zur Machtausübung habe ich denn schließlich erworben? Vielleicht nur diese: Auf einer Meta-Ebene zu zeigen, worin der Konflikt besteht, damit Du da draußen Dir überlegen kannst, wie in einem egalitärem Partizipismus trotzdem progressive Relevanz generiert werden kann.

Hallo Welt!

Es ist 2017 und ungefähr zehn Jahre her, dass ich meinem alten Blog den Rücken gekehrt habe.
Was war passiert?
Prioritätenwechsel, Lohnarbeit, WorldofWarcraft? 🙂
Warum gehts jetzt weiter?
Weil Facebook eine seltsame Vorstellung von Öffentlichkeit hat.
Weil Wichtiges in ständigem Gezwitscher untergeht.
Weil Textposts bei Instagram wie Socken mit Sandalen aussehen.
Und weil es immer mal wieder Dinge gibt, die fürs geheime Tagebuch zu schade/kontrovers sind.

Los gehts.