UnSocial-Media und Machtdisruption

Es gibt ja jede Menge Material und Kontroverse darüber, ob „Screen Time“, in diesem Fall die Zeit die wir vor dem Telefondisplay/Monitor/TV verbringen, uns zu guten oder eben schlechten Menschen macht. Erst zuletzt fand ich einen fantastischen Artikel (Link folgt), der beschrieb, warum wir uns trotz statistisch gesunkener wöchentlicher Arbeitszeit subjektiv nicht erholter fühlen. Antwort: ‚Screen Time‘ hält uns von Entspannung ab. Is mal wieder kontrovers, zumal nicht abschließend geklärt wird, was Entspannung bedeutet (im Wortsinn wohl eher die Entkrampfung der Muskulatur, aber die Autor*Innen zielen wohl eher auf die Idee ab, Augen und Hirn vom 2dimensionalen Gucken und Verarbeiten abzubringen – das sich das menschliche Gehirn per se nicht entspannt sollte ja hinlänglich bekannt sein). Egal. Wenn ich mich also drauf einlasse und mich mal frage, warum Screen Time anstrengend sein kann, finde ich in meiner Mediennutzung ein zentrales Fehlverhalten: Ich lese zu viele Kommentare.

Facebook spielt natürlich ganz vorne mit, bei Twitter gibts ja quasi nichts anderes. Und selbst etablierte Medienschaffende befleißigen sich mittlerweile damit, in ganzen Artikeln nur zu kommentieren, was wer wo schon kommentiert (Stichwort Covfefe) hat. Von der (teils gewollten) Lebenszeit-essenden, hakeligen Navigation der eigenen Kommentarspalten ganz zu schweigen (Seitenwechsel nach 5 – noch dazu gekürtzen – Kommentaren bei SPON, das Wurschteln durch die thread-organisierte Navigation bei Heise dauert länger als das Lesen aller Artikel der ersten Seit). Ich sags Euch: Unser Gehirn leistet Schwerstarbeit bei der Abwahl irrelevanter Informationen. Bei “Hey Piet, lass uns das am WE mal im Garten ausprobieren” oder “Diggi, das wär doch was für Dich” klingeln die Glocken der Nichtigkeit, aber die Energie zum Lesen und Einordnen des Schwachsinns ist verbraucht und nach 20 dieser Kommentare sind wir einfach nur müde. O’Reilleys Idee vom Mitmachweb durch Komalesen ad absurdum geführt.

Aber damit nicht genug: Von Brüsten und Netzwerkdurchsetzungsgesetz mal abgesehen herrscht beim Kommentieren Demorhesia (mein Kunstwort aus Demokratie und Parrhesia), in der Kommentarspalte in sozialen Medien sind alle gleich – das Volk spricht. Und damit geht’s auch schon los mit der Kakophonie. Das Angebot divergierender Meinungen hat sich potenziert, aber unsere Fähigkeiten zur Perzeption sind die gleichen wie vor 100, ach, 10.000 Jahren. Abstraktion, Heuristiken und Verdrängung. Schon sucht mensch verzweifelt nach Halt und Bedeutung, schließlich will ich ja zumindest eine Stimme lesen, die meine Gedanken beim Lesen des Artikels ausspricht (hallo Mr. Pariser). Und während wir uns noch abmühen, die Relevanz des Kommentars anhand lächerlicher Indikatoren (Nickname, Avatarbild, Rechtschreibfehler, „echte“ Bilder im Profil) einzuschätzen, hat die Erosion unserer eigenen Credibility längst begonnen.

Die Menschheit hat (so zumindest das soziokulturelle Paradigma) seit den Anfängen ihrer bewussten Existenz Formen des Zusammenlebens vereinbart. Vereinbarungen, die immer mit einem Konsens der Machtverteilung einhergingen, ob Stammesältester, Fürst oder Gott auf absolutistischer Seite, Ting, Scherbengericht oder Parlament in der -kratie-Variante. Mit Geburt wurde jedem Menschen sein Plätzchen im Strampel-Rad der Gesellschaft zugewiesen, Veränderungen waren die Ausnahme. Das war selbstverständlich total blöd für den Einzelnen, hatte aber den Vorteil, dass mensch wusste, woran mensch war. Ein König war immer ein König, der Bundestag hat mehr Bedeutung als die Runde Herrengedeck in Manfreds Kiosk.

In Kommentarspalten gilt das nicht mehr. Bester Beweis: Ein US-Präsident, per definition mit Macht ausgestattet, macht sich zum Narren bei Twitter (höchstmögliche Machtposi dort ist ein verifiziertes Profil) und minimiert die Erwartungen an seine Politik (bis er gefühlt-unverstandenderweise doch mal den roten Knopf findet). Oder, am anderen Ende, die Influencer, deren Machtwährung in Likes, Views und Followern gezählt wird. Was komplett irrelevant ist, sobald mensch den Dunstkreis von Games und Beauty verlässt. Ist das Macht 2.0? Fakt ist: Das Internet schafft eine neue Form des gesellschaftlichen Miteinanders und “disrupted” nebenbei 10.000 Jahre Machtevolution.  

Dabei wäre der Hebel für ein Stück Entschleunigung und Orientierung gar nicht so schwer auszumachen: Schaltet die Kommentar-Funktion ab. Zumindest die Öffentliche mit Piet und Diggi. Dass Facebook da nicht selbst auf die Idee kommt (oder ist das das geheime Ziel von Heikos Netzwerkdurchsetzungsgesetz?) ist nicht schwer erraten, immerhin leben die ja von meiner „Screen Time“. Aber wer behauptet, dass ein Kommentar der Demokratie letzter Schluss zu sein hat? – Immerhin, Instagram als So-Me-Feelgood-Alternative geht da schon einen Schritt nach vorn. Bilder im Feed zuerst von denen, die mir auch folgen, Kommentare sind insgesamt eher Nebensache. Meinungsführer im Umgang mit den Zukunftsängsten der Deutschen wird mensch da allerdings auch nicht. Mein Vorschlag: Piqd ausprobieren und die kommentarlos gewonnene Realtime in echtes Engagement stecken.

P.S.: Jaja, mir ist schon bewusst, dass ich mit dieser Argumentation auch dieses Blog in Frage stelle. Welche Legitimation zur Machtausübung habe ich denn schließlich erworben? Vielleicht nur diese: Auf einer Meta-Ebene zu zeigen, worin der Konflikt besteht, damit Du da draußen Dir überlegen kannst, wie in einem egalitärem Partizipismus trotzdem progressive Relevanz generiert werden kann.

Hallo Welt!

Es ist 2017 und ungefähr zehn Jahre her, dass ich meinem alten Blog den Rücken gekehrt habe.
Was war passiert?
Prioritätenwechsel, Lohnarbeit, WorldofWarcraft? 🙂
Warum gehts jetzt weiter?
Weil Facebook eine seltsame Vorstellung von Öffentlichkeit hat.
Weil Wichtiges in ständigem Gezwitscher untergeht.
Weil Textposts bei Instagram wie Socken mit Sandalen aussehen.
Und weil es immer mal wieder Dinge gibt, die fürs geheime Tagebuch zu schade/kontrovers sind.

Los gehts.